Apr 27
Weinrallye

Weinrallye

Die 50. Weinrallye, ein Jubiläum! – und das zweite Mal zum Thema Naturwein: Jetzt will Iris Rutz-Rudel etwas dazu lesen. So kann ich die Definition des Begriffs “Naturwein” aber Anderen überlassen (z.B. hier) und mich ganz dem Weinerlebnis widmen.

Weinerlebnis kann man wirklich sagen, denn der Besuch bei diesem Winzer ist jetzt fast zwei Jahre her und mir noch sehr eindrücklich im Gedächtnis. Der Wein, der jetzt vor mir steht, stammt noch von diesem Besuch: Ein Fendant* (= Chasselas = Gutedel) aus dem Jahr 2008. Der Winzer heisst Jacques Granges und das Weingut liegt im Himmel. Wirklich wahr, “Les vignes dans le ciel” steht auf dem Etikett und so ganz falsch ist das nicht: Auf 900 Metern Höhe im schweizerischen Wallis liegt die Domaine de Beudon. Wenn man dorthin will, muss man der privaten Seilbahn vertrauen – oder den steilen Aufstieg zu Fuss auf sich nehmen, was wir damals bevorzugten.

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Beschwerlicher Aufstieg...

Jacques Granges

Jacques Granges

Einige Hürden waren zu nehmen, zum Beispiel ein reissender Bergbach – der leider auch die Brücke schon mit sich gerissen hatte. Irgendwie kamen wir rüber, und als wir endlich oben ankamen und Jacqui uns grinsend wie ein Waldschrat erwartete, hatten einige von uns das Gefühl, nach beschwerlicher Expedition endlich das Ziel erreicht zu haben. Und oben war es ganz paradiesisch, trotz Nieselregens: Weinreben, Kräuter, Blumen, Kastanien- und Mandelbäume. Trockensteinmauern, Gemüse und Bienen. Biodiversität im Weinberg, so ganz selbstverständlich.

Dann wurde es noch besser: In der gemütlichen Küche wartete eine dampfende Gemüsesuppe auf uns – und Jacqui zog einen Wein nach dem anderen auf, spannend waren einige davon (Notizen habe ich keine, nur die Erinnerung): Unter anderem diverse Riesling x Sylvaner (= Müller-Thurgau) und Fendants, die ein Alter erreicht hatten, das für diese Rebsorten ganz und gar ungewöhnlich ist – aber tatsächlich zum Teil noch frisch und fruchtig genossen werden konnten. Eigentlich schmeckten alle Weine in diesen Stunden in der Küche, waren perfekt. Das konnte auch gar nicht anders sein, denn die Wahrnehmung von Wein ist subjektiv – und nach einer solchen Wanderung und einem solchen Empfang kann es kaum Enttäuschungen geben.

Bunter Weinberg

Bunter Weinberg

... der beste Platz ist immer in der Küche.

... der beste Platz ist immer in der Küche.

Aber einige Weine hielten auch zu Hause noch, was sie dort oben, “dans le ciel” versprochen hatten. In Erinnerung sind mir noch ein Riesling x Sylvaner von 2004 und ein Gamay von 2006. Mindestens 20 Weine degustierten wir, ein jeder brauchte seine Zeit, so dass wir stundenlang in der Küche sassen – bei dem grossen Topf Gemüsesuppe (aus dem eigenen Garten, die Granges sind Selbstversorger dort oben), der nicht leer zu werden schien und eben den Weinen. Mehrfach verschoben wir den Aufbruch, obwohl wir noch mit Marie-Therese Chappaz verabredet waren, der Star-Winzerin im Wallis. Als wir schliesslich dort angekommen waren, blieb nur noch Zeit für eine Verkostung auf Speed – aber das ist eine andere Geschichte.

Achso: Die Weine der Domaine de Beudon werden seit Jahrzehnten biodynamisch angebaut, nach Demeter-Richtlinien. Ich glaube, leicht geschwefelt sind sie schon, aber sonst ist nicht viel damit passiert. Naturweine. Non filtré.

Les vignes dans le ciel

Les vignes dans le ciel

Fendant zu Hause

Fendant zu Hause

Mein Wein gestern und heute Abend: Fendant 2008. Gestern Abend zum Apero musste man sich erst dran gewöhnen, keine Primäraromen, aber  intensiv, mineralisch und eindrückliche kräuterige, würzige Aromen, die sich am Gaumen fortsetzen. Heute Abend kommt er mir zugänglicher vor – oder liegt es daran, dass ich gerade die Geschichte aufschreibe? Wein ist eben subjektiv.

Was ich ausserhalb der Weine spannend fand: Die Tochter von Jacqui und Marion, schon längst erwachsen, erzählte uns von ihrem beschwerlichen Schulweg früher. Zu Fuss, wie sonst? Das arme Kind, denkt man sich. Eine Weile war sie weg, als sie erwachsen war, draussen in der Welt. Jetzt ist sie wieder da – mit ihrem eigenen Kind, das nun dort, “dans le ciel” aufwächst…

*Disclaimer: Ich arbeite bei Delinat, wo inzwischen auch ein Fendant der Domaine Beudon erhältlich ist, allerdings ein junger: Jahrgang 2010.

2 Responses to “Weinrallye #50 Naturwein: ein betagter Fendant “non filtré””

  1. Für mich ist dies eine echte “Weingeschichte”, denn Wein hat viel mit Geschichten zu tun, viel mehr als mit Normen. Denn Geschichten verraten, in welchem “Geist”, in welcher Situation Wein gemacht – oder Wein getrunken wird. Wer zu “naturnahen” Winzern pilgert, auch im Wallis gibt es einige davon, erfährt meist mehr über naturnahe Weine, als viele Abhandlungen und Definitionen, Abgrenzungen und Verbote (oder Gebote) es zu tun vermögen. Ich sehe die Bilder, lese die Eindrück und bin überzeugt: “vin naturel” hat hier eine Heimat, mit und ohne Zertifikat. Der äussere Weg muss nicht immer so lang sein, der Hof nicht immer so abgelegen. Ein anderer Weg aber kann ein langer sein – innerlich – und der ist weit mühsamer (für den Erzeuger und den Konsumenten) als jeder noch so beschwerliche Fussmarsch. Danke!

  2. Udo Thiem sagt:

    Ein toller geschriebener Artikel über Naturwein.

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