Weinrallye #50 Naturwein: ein betagter Fendant „non filtré“

Weinrallye
Weinrallye

Die 50. Weinrallye, ein Jubiläum! – und das zweite Mal zum Thema Naturwein: Jetzt will Iris Rutz-Rudel etwas dazu lesen. So kann ich die Definition des Begriffs „Naturwein“ aber Anderen überlassen (z.B. hier) und mich ganz dem Weinerlebnis widmen.

Weinerlebnis kann man wirklich sagen, denn der Besuch bei diesem Winzer ist jetzt fast zwei Jahre her und mir noch sehr eindrücklich im Gedächtnis. Der Wein, der jetzt vor mir steht, stammt noch von diesem Besuch: Ein Fendant* (= Chasselas = Gutedel) aus dem Jahr 2008. Der Winzer heisst Jacques Granges und das Weingut liegt im Himmel. Wirklich wahr, „Les vignes dans le ciel“ steht auf dem Etikett und so ganz falsch ist das nicht: Auf 900 Metern Höhe im schweizerischen Wallis liegt die Domaine de Beudon. Wenn man dorthin will, muss man der privaten Seilbahn vertrauen – oder den steilen Aufstieg zu Fuss auf sich nehmen, was wir damals bevorzugten.

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Beschwerlicher Aufstieg…
Jacques Granges
Jacques Granges

Einige Hürden waren zu nehmen, zum Beispiel ein reissender Bergbach – der leider auch die Brücke schon mit sich gerissen hatte. Irgendwie kamen wir rüber, und als wir endlich oben ankamen und Jacqui uns grinsend wie ein Waldschrat erwartete, hatten einige von uns das Gefühl, nach beschwerlicher Expedition endlich das Ziel erreicht zu haben. Und oben war es ganz paradiesisch, trotz Nieselregens: Weinreben, Kräuter, Blumen, Kastanien- und Mandelbäume. Trockensteinmauern, Gemüse und Bienen. Biodiversität im Weinberg, so ganz selbstverständlich.

Dann wurde es noch besser: In der gemütlichen Küche wartete eine dampfende Gemüsesuppe auf uns – und Jacqui zog einen Wein nach dem anderen auf, spannend waren einige davon (Notizen habe ich keine, nur die Erinnerung): Unter anderem diverse Riesling x Sylvaner (= Müller-Thurgau) und Fendants, die ein Alter erreicht hatten, das für diese Rebsorten ganz und gar ungewöhnlich ist – aber tatsächlich zum Teil noch frisch und fruchtig genossen werden konnten. Eigentlich schmeckten alle Weine in diesen Stunden in der Küche, waren perfekt. Das konnte auch gar nicht anders sein, denn die Wahrnehmung von Wein ist subjektiv – und nach einer solchen Wanderung und einem solchen Empfang kann es kaum Enttäuschungen geben.

Bunter Weinberg
Bunter Weinberg
... der beste Platz ist immer in der Küche.
… der beste Platz ist immer in der Küche.

Aber einige Weine hielten auch zu Hause noch, was sie dort oben, „dans le ciel“ versprochen hatten. In Erinnerung sind mir noch ein Riesling x Sylvaner von 2004 und ein Gamay von 2006. Mindestens 20 Weine degustierten wir, ein jeder brauchte seine Zeit, so dass wir stundenlang in der Küche sassen – bei dem grossen Topf Gemüsesuppe (aus dem eigenen Garten, die Granges sind Selbstversorger dort oben), der nicht leer zu werden schien und eben den Weinen. Mehrfach verschoben wir den Aufbruch, obwohl wir noch mit Marie-Therese Chappaz verabredet waren, der Star-Winzerin im Wallis. Als wir schliesslich dort angekommen waren, blieb nur noch Zeit für eine Verkostung auf Speed – aber das ist eine andere Geschichte.

Achso: Die Weine der Domaine de Beudon werden seit Jahrzehnten biodynamisch angebaut, nach Demeter-Richtlinien. Ich glaube, leicht geschwefelt sind sie schon, aber sonst ist nicht viel damit passiert. Naturweine. Non filtré.

Les vignes dans le ciel
Les vignes dans le ciel
Fendant zu Hause
Fendant zu Hause

Mein Wein gestern und heute Abend: Fendant 2008. Gestern Abend zum Apero musste man sich erst dran gewöhnen, keine Primäraromen, aber  intensiv, mineralisch und eindrückliche kräuterige, würzige Aromen, die sich am Gaumen fortsetzen. Heute Abend kommt er mir zugänglicher vor – oder liegt es daran, dass ich gerade die Geschichte aufschreibe? Wein ist eben subjektiv.

Was ich ausserhalb der Weine spannend fand: Die Tochter von Jacqui und Marion, schon längst erwachsen, erzählte uns von ihrem beschwerlichen Schulweg früher. Zu Fuss, wie sonst? Das arme Kind, denkt man sich. Eine Weile war sie weg, als sie erwachsen war, draussen in der Welt. Jetzt ist sie wieder da – mit ihrem eigenen Kind, das nun dort, „dans le ciel“ aufwächst…

*Disclaimer: Ich arbeite bei Delinat, wo inzwischen auch ein Fendant der Domaine Beudon erhältlich ist, allerdings ein junger: Jahrgang 2010.

Weinrallye #30 – Naturwein aus dem Wallis

Nun also noch mein eigener Beitrag zu dieser Weinrallye. Was ist Naturwein? Später, in der Zusammenfassung dieser Weinrallye werde ich mich an einer Synthese der bisher gehörten Definitionen versuchen – und meine Interpretation davon.

Domaine de Mythopia
Domaine de Mythopia
Domaine de Mythopia

Zunächst also zum Wein. Einige werden es bereits vermutet haben: mein Wein kommt aus dem Schweizer Wallis, von der Domaine de Mythopia. Das ist das Versuchs-Weingut des Delinat-Instituts; Hans-Peter Schmidt wirkt dort, in Steilhängen in etwa 800m Höhe, nicht weit von Sion. Die Weinberge sind sehenswert – eben voller Natur! Denn ein Hauptanliegen der Forschung des Instituts ist die Biodiversität im Weinberg. Da fliegen Bienen und Schmetterlinge, wachsen Tomaten und Erdbeeren, blühen Obstbäume und Blumen. Wer mehr darüber wissen will: im Oktober letzten Jahres war ich selbst dort – und regelmässig berichtet das Ithaka-Journal über die Aktivitäten dort.

Clos des Martyres 2007

Zurück zum Wein: ein Pinot Noir, Clos des Martyres 2007. Pinot Noir ist der meist angebaute Rotwein der Schweiz und wohl auch des Wallis. Aber es gibt wohl nur wenige wie diesen. Zutaten in diesem Wein waren nur Trauben und Luft – und vielleicht noch einige Hefen, Bakterien und andere kleine Helferlein, die in der Luft und auf der Traubenhaut herumschwirrten.

Pinot Noir Clos des Martyres 2007
Pinot Noir Clos des Martyres 2007

Das Protokoll der Herstellung, mit den Worten des Winzers: „Lese: 21.10.2007. Das Lesegut wurde an Hanglange in der Herbstsonne aufgewärmt. Am Nachmittag entrappt und eingemaischt. 40 Tage Maischegärung. Sanft abgepresst, 2 Tage
absetzen lassen, dann in 4jähriges Eichenholzfass (400l). Gelegentliches Batonieren. 22-Monate Ausbau. Natürliche Kaltstabilisierung. Abfüllung durch Gravitation. So einfach ist das.

Degustation am ersten Tag

Auf dem Etikett steht „Pinot noir naturel“; oft ist bei solchen Weinen nirgends etwas von „bio“ oder „Naturwein“ zu lesen, nur „non filtré“, nicht filtriert. Eingeweihte wissen dann, dass bei diesem Wein nichts vertuscht wurde. Eine Stunde vor dem ersten Verkosten, vor nun einer Woche, öffnete ich die Flasche. Meine Notizen: „Aromen von roten und schwarzen Beeren (Brombeeren!), schwarze Kirschen, intensiv aber nicht aufdringlich; am Gaumen samtig, feinkörniges Tannin, gute Säure, Beeren, elegant, leicht – sehr gute Länge„. Die nur 12 vol% Alkohol machen den Wein elegant und unbeschwert.

Zweiter und dritter Tag

Auf Rat von Hans-Peter Schmidt nahmen wir am ersten Tag nur einen kleinen Schluck aus der Flasche, um die Entwicklung des Weines über mehrere Tage zu verfolgen; die Notizen des zweiten Tages: „Aromen: komplexer, etwas erdiger, Leder(?), intensiver am Gaumen, aber nach wie vor schlanker Körper; schöne Länge„. Der dritte Tag brachte dann folgendes: „mehr schwarze Kirschen, kräftiger, noch intensiver; dunkle Schokolade, fülliger; Leder am Gaumen intensiver, Frucht am Gaumen weniger; kräftiger, mehr Körper„.

Höhepunkt?

Entscheidend bei Naturweinen ist, dass sie unter Sauerstoffeinfluss weiterleben“ sagt Hans-Peter Schmidt – auf dem Höhepunkt seien sie erst nach 7 Tagen. An den folgenden Tagen konnte ich dann wegen Abwesenheit nicht weiter verkosten. Am siebten Tag war ich wieder zu Hause, und sehr gespannt. Die Flasche war noch mehr als halbvoll, und wir hatten Freunde eingeladen, darunter ein vinophiler Südfranzose, der bevorzugt eben solche Naturweine trinkt. Und der Wein hatte sich weiter verändert: „besser (auch wenn das keine spezifische Aussage ist), Frucht nicht mehr so intensiv, etwas Brombeere ist noch da; öffnet sich am Gaumen, explodiert fast; zart-bittere Schokolade, deutlich Leder, komplexer, gewichtiger, reifer, rote Früchte ganz hinten im Abgang„.

Auf dem Höhepunkt? Ja, schon. Aber am ersten Tag war der Clos des Martyres auch schon sehr gut, frischer eben. Ich könnte mich nicht entscheiden, wenn ich bestimmen müsste, was nun der beste Zeitpunkt ist, diesen Wein zu trinken. Eins aber weiss ich genau: wenn ich das nächste Mal im Wallis bin, nehme ich mir einige Flaschen des knappen Weins mit – und wäre gespannt, wie sich der Wein in drei, fünf oder zehn Jahren macht. Und ich werde weiterhin solche Naturweine suchen – die nächsten hoffentlich vom Weingut Lisson, dessen Weine ich ja immer noch nicht verkosten konnte…

Besuch beim Ithaka-Projekt

Bei manchen Dingen reicht es nicht, darüber zu lesen, man muss sie erfahren. So geht es mir mit dem Ithaka-Projekt des Delinat-Institutes. Dort wird zu Klimafarming und Biodiversität im Weinberg geforscht. Mein Besuch im Weingut Mythopia war im September verschoben worden, jetzt fand er endlich statt.

Hans-Peter Schmidt, Leiter des Ithaka-Projektes und Winzer im Mythopia-Weingut empfing mich, und nach einem kurzen Kaffee ging es gleich in die Weinberge – bei wunderbarem Herbstwetter! Die Lese war zwar gerade abgeschlossen worden, und auf Grund der fortgeschrittenen Jahreszeit blühte es nicht mehr an allen Ecken und Enden, wie ich es auf den Fotos im Ithaka-Journal gesehen hatte. Trotzdem war das, was ich dort sehen konnte, sehr beeindruckend.

Das Ithaka-Projekt - Mythopia-WeinbergeDas Ithaka-Projekt

Ich bin kein Naturwissenschaftler, werde daher Hans-Peters Ausführungen zu Leguminosen, Boden, Stickstoff- und Phosphorgehalt nicht wiedergeben – das kann man besser hier nachlesen. Aber wieviel lebendiger ein Weinberg ist, in dem ausser den Reben alles mögliche wächst: von niedrigen Gewächsen wie Leguminosen, Aromakräutern und Erdbeeren über Sträucher aller Art bis hin zu Obstbäumen (vertikale Diversität); in dem Blumen blühen, Wildbienen-Hotels aufgestellt sind und Bienenstöcke stehen (das interessierte mich als Hobby-Imker natürlich besonders); in dem es summt und brummt, und in dem selbst um diese Jahreszeit auch noch mal ein Schmetterling zu sehen ist: das muss man gesehen haben! Festgehalten sind diese Massnahmen in der Charta für Weinberge in Biodiversität.

Das Ithaka-Projekt - blühender Weinberg - selbst im Oktober!Das Ithaka-Projekt

Beeindruckend auch der direkte Vergleich zwischen benachbarten konventionellen Parzellen und den Mythopia-Parzellen; auch der Vergleich zwischen ungeplant begrünten Rebzeilen und solchen, in denen die im Ithaka-Projekt speziell entwickelte Saatmischung ausgebracht wurde. Die Versuchsreihen mit Biokohle könnten sich als revolutionär erweisen – nicht nur für das Wachstum der Reben, sondern auch und vor allem wegen der Bedeutung dieser Versuche für eines der grössten Probleme unseres Planeten – den Klimawandel.

Dass das alles Einfluss auf die Qualität der Trauben und des erzeugten Weines hat: das lässt sich nicht nur leicht vorstellen, sondern es ist mit Genuss zu erschmecken – und offensichtlich auch wissenschaftlich nachzuweisen!

Das Ithaka-Projekt Das Ithaka-Projekt

Ein Thema meines Besuchs war auch, wie sich die Ergebnisse aus dem Ithaka-Projekt verbreiten lassen – mit den Mitteln des Social Web. Denn das Projekt ist zwar von Delinat gegründet und zu einem Teil auch finanziert; die Ergebnisse des Projektes sollen aber frei zugänglich gemacht und verbreitet werden, so dass  möglichst viele Weingüter (ob bio oder nicht) davon profitieren können – und eine Bewegung für eine zweite Bio-Revolution entsteht, die durch das Klimafarming sogar Wege aufzeigen kann, den Klimawandel zu bekämpfen. Mehr dazu hier in meinem Artikel im GlobalFutureBlog.

Ein grobes Konzept für eine Social Media Strategie haben wir erstellt; dieses gilt es nun zu verfeinern – und vor allem umzusetzen. Anregungen hierzu sind herzlich willkommen!