Weinrallye #58: Wein schenken oder das Ende des Winzerblogs

Anfang Dezember las ich im Winzerblog: „Lange schon habe ich überlegt wie ich das Projekt Winzerblog ordentlich beenden könnte, …“ und wollte meinen Augen kaum trauen. Seit ich mich mit dem Thema Wein online beschäftige (und das ist schon eine Weile), gibt es das Winzerblog. Damals konnte man die Zahl der Weinblogs noch an den Fingern zweier Hände abzählen… Das Winzerblog beenden heisst nichts weniger als eine Ära zu beenden – jedenfalls in meinen Augen. Thomas, du bist immer für eine Überraschung gut – und ich bin gespannt,was als nächstes kommt.

Thomas wäre nicht der Winzerblogger, wenn er dieses Ende nicht mit einer tollen Aktion einläuten würde, die Spass macht, der Vernetzung unter Wein- und Foodbloggern behilflich ist, und mich verleitet, mal wieder einen Blogartikel zu schreiben. Und zu einem spannenden Wein verholfen hat die Aktion mir auch noch, aber dazu später.

bee-Riesling, im Sommer genossen
bee-Riesling, im Sommer genossen

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft: Das war das Motto, ein Blogger macht dem nächsten ein Weingeschenk – und erhält natürlich auch ein solches. Mein Wein ging an @babsannette. Da ich nicht wusste, welche Weine ihr gefallen, habe ich ihr einen geschickt, der mir gefällt: einen Riesling der Edition bee von Timo Dienhart. Gibts auch bei meinem Arbeitgeber Delinat, aber nicht deswegen habe ich ihn gewählt, sondern weil ich erstens Mosel-Rieslinge mag, zweitens Timo Dienhart als engagierten Biowinzer mag, und drittens weil die Edition bee eine tolle Idee ist. Via Twitter habe ich schon gehört, dass auch @babsannette der Wein gefallen hat – genaueres werden wir in ihrem Artikel lesen.

Mitte Dezember schon kam mein Wein –  von Dirk Würtz. Damit war schon mal klar: Es wird nicht langweilig werden. Als ich das Paket öffnete, war ich doch erstaunt: Ein Blanc de Blancs? Aus dem Rheingau? Ich dachte, da gibts nur Riesling und ein bisschen Spätburgunder! Kurze Nachfrage bei Tante Google ergab: Im Weingut Ress gab es erstmals 2007 den Blanc de Blancs, damals wohl aus Weissburgunder. Mehr war nicht zu finden.

Vor einer Woche dann: Ok, wann trinken wir ihn? Am Abend sollte es Spaghetti mit Räucherlachs geben, könnte vielleicht passen. Beim Kochen probierte ich gleich mal einen Schluck – und obwohl ich auf eine Überraschung gefasst war, war das Erstaunen noch grösser als geplant: Wie bitte? Zum Teilen des Erstaunens rief ich schnell meine Frau dazu. Die probierte ebenfalls und sagte: „Manche sehen eben mit 25 schon aus wie 50!“ Meinte das aber gar nicht negativ, sagte sie dazu.

Der Probierschluck für den Koch
Der Probierschluck für den Koch

Was war im Glas? Aus der Erinnerung ohne Notizen: Ziemlich gelb sah das aus – gereift? Gar bereits oxidiert? Es kam mir keine Primärfrucht entgegen geweht, aber kräuterwürzige, intensive und komplexe Aromen – irgendwie so ganz anders. Hatte Dirk einen alten Jahrgang in die mit 2011 etikettierte Flasche gemogelt? Nein, auch nicht. Es gab zwar Reifenoten, aber alt schmeckte der Wein nicht. Am Gaumen dann schöner Schmelz, Säure gut eingebunden, wieder Kräuterwürze, Tabak, Leder… Das erinnerte mich doch an Weine, die gerade so ein bisschen im Trend sind: die so genannten Naturweine (schon 2x Thema einer Weinrallye). Ein Naturwein à la Würtz?

Die Nudeln habe ich also kräftig abgeschmeckt, bisschen Sahne frisch von der demeter-Kuh (auch die hat einen speziellen, intensiven Geschmack. Natursahne quasi), bisschen Chili, bisschen Blanc de Blancs. Das passte dann soweit.

Bevor ich da aber jetzt etwas ganz Falsches schreibe, habe ich heute nach dem Wein gefragt und Dirk noch schnell via FB kontaktiert: „Sieben Tage Maischemazeration, maischevergoren, dann neues Tonneau, ungeschönt, nicht filtriert und fast ohne Schwefel… Mein Beitrag zur Globalisierung“ schrieb Dirk zurück. Aha. Rebsorte? „Weissburgunder, das ist aber nebensächlich. Es geht um die  Machart.“ Stimmt. Eine Rebsorte war nicht zu identifizieren. Die Machart hingegen: Speziell. Muss man mögen. Ich mag.

Und jetzt bin ich gespannt. Ein Rest ist noch in der Flasche, wartet im Kühlschrank, gleich zum Apero (das Wort habe ich aus der Schweiz übernommen, weil es mir so gut gefällt). Laut Dirk wird der Wein „stehen wie eine 1“, auch nach einer Woche. Gleich mehr dazu.

Update zwei Stunden später: Dirk hatte Recht: Der Blanc de Blancs steht nicht nur immer noch wie eine 1, wir hatten gar das Gefühl, er hat sich noch geöffnet: Jetzt waren gar fruchtige Aromen zu erspüren, gelbe Pflaumen, vielleicht getrocknete Aprikosen Feigen und Äpfel. Meine Frau sagt, die Säure sei jetzt (ihr zu) prägnant – mir war’s recht. Wunderlicher Naturwein à la Würtz.

Weinrallye #50 Naturwein: ein betagter Fendant „non filtré“

Weinrallye
Weinrallye

Die 50. Weinrallye, ein Jubiläum! – und das zweite Mal zum Thema Naturwein: Jetzt will Iris Rutz-Rudel etwas dazu lesen. So kann ich die Definition des Begriffs „Naturwein“ aber Anderen überlassen (z.B. hier) und mich ganz dem Weinerlebnis widmen.

Weinerlebnis kann man wirklich sagen, denn der Besuch bei diesem Winzer ist jetzt fast zwei Jahre her und mir noch sehr eindrücklich im Gedächtnis. Der Wein, der jetzt vor mir steht, stammt noch von diesem Besuch: Ein Fendant* (= Chasselas = Gutedel) aus dem Jahr 2008. Der Winzer heisst Jacques Granges und das Weingut liegt im Himmel. Wirklich wahr, „Les vignes dans le ciel“ steht auf dem Etikett und so ganz falsch ist das nicht: Auf 900 Metern Höhe im schweizerischen Wallis liegt die Domaine de Beudon. Wenn man dorthin will, muss man der privaten Seilbahn vertrauen – oder den steilen Aufstieg zu Fuss auf sich nehmen, was wir damals bevorzugten.

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Beschwerlicher Aufstieg…
Jacques Granges
Jacques Granges

Einige Hürden waren zu nehmen, zum Beispiel ein reissender Bergbach – der leider auch die Brücke schon mit sich gerissen hatte. Irgendwie kamen wir rüber, und als wir endlich oben ankamen und Jacqui uns grinsend wie ein Waldschrat erwartete, hatten einige von uns das Gefühl, nach beschwerlicher Expedition endlich das Ziel erreicht zu haben. Und oben war es ganz paradiesisch, trotz Nieselregens: Weinreben, Kräuter, Blumen, Kastanien- und Mandelbäume. Trockensteinmauern, Gemüse und Bienen. Biodiversität im Weinberg, so ganz selbstverständlich.

Dann wurde es noch besser: In der gemütlichen Küche wartete eine dampfende Gemüsesuppe auf uns – und Jacqui zog einen Wein nach dem anderen auf, spannend waren einige davon (Notizen habe ich keine, nur die Erinnerung): Unter anderem diverse Riesling x Sylvaner (= Müller-Thurgau) und Fendants, die ein Alter erreicht hatten, das für diese Rebsorten ganz und gar ungewöhnlich ist – aber tatsächlich zum Teil noch frisch und fruchtig genossen werden konnten. Eigentlich schmeckten alle Weine in diesen Stunden in der Küche, waren perfekt. Das konnte auch gar nicht anders sein, denn die Wahrnehmung von Wein ist subjektiv – und nach einer solchen Wanderung und einem solchen Empfang kann es kaum Enttäuschungen geben.

Bunter Weinberg
Bunter Weinberg
... der beste Platz ist immer in der Küche.
… der beste Platz ist immer in der Küche.

Aber einige Weine hielten auch zu Hause noch, was sie dort oben, „dans le ciel“ versprochen hatten. In Erinnerung sind mir noch ein Riesling x Sylvaner von 2004 und ein Gamay von 2006. Mindestens 20 Weine degustierten wir, ein jeder brauchte seine Zeit, so dass wir stundenlang in der Küche sassen – bei dem grossen Topf Gemüsesuppe (aus dem eigenen Garten, die Granges sind Selbstversorger dort oben), der nicht leer zu werden schien und eben den Weinen. Mehrfach verschoben wir den Aufbruch, obwohl wir noch mit Marie-Therese Chappaz verabredet waren, der Star-Winzerin im Wallis. Als wir schliesslich dort angekommen waren, blieb nur noch Zeit für eine Verkostung auf Speed – aber das ist eine andere Geschichte.

Achso: Die Weine der Domaine de Beudon werden seit Jahrzehnten biodynamisch angebaut, nach Demeter-Richtlinien. Ich glaube, leicht geschwefelt sind sie schon, aber sonst ist nicht viel damit passiert. Naturweine. Non filtré.

Les vignes dans le ciel
Les vignes dans le ciel
Fendant zu Hause
Fendant zu Hause

Mein Wein gestern und heute Abend: Fendant 2008. Gestern Abend zum Apero musste man sich erst dran gewöhnen, keine Primäraromen, aber  intensiv, mineralisch und eindrückliche kräuterige, würzige Aromen, die sich am Gaumen fortsetzen. Heute Abend kommt er mir zugänglicher vor – oder liegt es daran, dass ich gerade die Geschichte aufschreibe? Wein ist eben subjektiv.

Was ich ausserhalb der Weine spannend fand: Die Tochter von Jacqui und Marion, schon längst erwachsen, erzählte uns von ihrem beschwerlichen Schulweg früher. Zu Fuss, wie sonst? Das arme Kind, denkt man sich. Eine Weile war sie weg, als sie erwachsen war, draussen in der Welt. Jetzt ist sie wieder da – mit ihrem eigenen Kind, das nun dort, „dans le ciel“ aufwächst…

*Disclaimer: Ich arbeite bei Delinat, wo inzwischen auch ein Fendant der Domaine Beudon erhältlich ist, allerdings ein junger: Jahrgang 2010.

Weinrallye #30 -Naturwein: die Zusammenfassung

So, nun ist auch der Beitrag von Iris Rutz-Rudel vom Weingut Lisson eingetrudelt, und ich kann mit der Zusammenfassung der 30. Weinrallye beginnen!  Iris‘ Beitrag war mir wichtig, denn ich weiss, dass ihr das Thema am Herzen liegt, und sie sich schon lange intensiv damit befasst. 18 Beiträge sind es bei dieser 30. Weinrallye, darüber freue ich mich sehr. Ob des nicht einfachen Themas hatte ich mit weniger gerechnet – wenn auch nicht, wie Thomas Lippert es auf Twitter formulierte, mit der „kleinsten Weinrallye der Welt„.

Was ist nun also Naturwein? Vielfältige Begriffsdefinitionen gab es zu lesen: von der These, Naturwein gebe es gar nicht, da Wein per se ein Kulturgut sei, bis zu genauen Anforderungen. Hans-Peter Schmidt schlug vor (ebenfalls auf Twitter), den Begriff von „Naturwein“ zu „naturbelassener Wein“ zu ändern – ein nachvollziehbarer Vorschlag, wie ich finde. Als Kriterien wurden im einzelnen genannt:

  • ökologischer Anbau der Trauben, nach Möglichkeit bio-dynamisch
  • Verwendung von Rebsorten, die in die Region passen
  • Handlese
  • ganzheitliche Betriebsstruktur
  • Spontanvergärung
  • Verzicht auf die Nutzung von Behandlungsstoffen in Kellerwirtschaft und Weinbau
  • gering- oder unfiltrierte Abfüllung

Diese Punkte dürften die Zustimmung der meisten Teilnehmer finden. Umstrittener war der Einsatz von Schwefel: gar kein Schwefel im Naturwein? Oder sind geringe Mengen erlaubt? Das könnte auch abhängig von Region und Weintyp sein. Weitere Meinungen:

Thomas Lippert zitierte den Lyriker Mikel in seinem Beitrag, der fragte:

„ein Naturwein ist ein Wein in der Natur getrunken?“

Die einfachste und wohl radikalste Definition stammt von Hans-Peter Schmidt, der meint: „Naturwein ist ein Wein aus Trauben, frischer Luft, und sonst nichts.“ Was nicht heisst, dass der Winzer im Keller entbehrlich ist, um einen (trinkbaren) Naturwein zu produzieren:

„Einen Naturwein zu keltern heißt ja nicht, anything goes. Es gehört Kunst dazu. Wissen, Gefühl. In der Natur liegt das Scheitern nahe. Das ist wie im Leben.“

Dem hält Bernhard Fiedler entgegen:

„Für mich ist Wein – wie ‚puristisch‘ er auch immer gekeltert worden sein mag – kein Naturprodukt, sondern eine kulturelle Leistung.“

Naturwein oder naturbelassener Wein scheint also ein Thema zu sein, dass der Diskussion bedarf. Ich freue mich, wenn diese Weinrallye ein wenig dazu beitragen konnte. Was wohl Konsens sein dürfte: ein Naturwein ist – zumindest gegenwärtig – kein Mainstream-Wein, sondern ein spezieller Wein, der Erklärung braucht. Aber die Wahrnehmungen von Wein, die Geschmäcker und Trends können sich ändern. Wie Ecovin-Vorsitzende Lotte Müller-Pfeffer gestern im Gespräch über dieses Thema auf der Biofach sagte:

„Vor 10 Jahren wären einige Weine, die heute hochgelobt werden, als Weine mit Weinfehlern bezeichnet worden.“

Ich bin gespannt, wo die Entwicklung uns hinführt. Zur Vertiefung des Themas hier die Beiträge im einzelnen, in ungefährer chronologischer Reihenfolge:

  • Weinrallye #30 – Naturwein – vom Edekaner:
    Fritz Zickuhr fand das natürliche Vorkommen eines Battenfeld-Spanier Rieslings in seinem Weinkeller;
  • Weinrallye #30 – Naturwein von lamiacucina:
    Robert Sprenger ist der Meinung, ein verantwortungsvoller Winzer arbeite natürlich –  fand Dieter Meier und bescherte uns ein Wiedersehen mit Yello;
  • Bernhard Fiedler
    hält ein Plädoyer gegen den Naturwein, und spricht für die ordnende Hand des Winzers;
  • weinverkostungen.de
    Auch Thomas Günther leuchtet der Begriff nicht so recht ein – er verkostet einen Wein von Philipp Wittmann;
  • Mythopia Blog
    Hans-Peter Schmidt hält ein Plädoyer für naturbelassenen Wein;
  • St. Antony
    Florian Jungbauer gibt eine Begriffsdefinition als „Mittelweg zwischen modernen Arbeitsweisen, nachhaltigem Wirtschaften und hohem wissenschaftlichem Verständnis“;
  • boccafino
    Sven Ahlborn betont, dass ein Naturwein nicht einem Biowein gleich zu setzen ist und verkostet den VV 2004 von Jacqueline Bolli;
  • 2 x Baccantus – hier und hier;
    einmal die Begriffsdefinition an Hand von drei Beispielen und bei dem zweiten Link eine ausführliche theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff;
  • ein Gastbeitrag von Jennifer und Kevin Kelley aus Kalifornien hier auf Social Wine;
  • ein weiterer Gastbeitrag von Holger Schwarz aus Berlin;
  • ein Beitrag, der mich besonders freut: myexperience4u ist wieder da!
    Swetlana Kittke meint: „back to the nature“ und verkostet einen Biowein aus Chile;
  • mein eigener Beitrag,
    eine Verkostung über 7 Tage des Clos des Martyres von der Domaine de Mythopia (s.o.);
  • „Weinrallye #30: Naturwein“
    Harald Steffens schliesst sich Bernhard Fiedler an, und sagt, Wein ist eine Kulturleistung; als Beispiel verkostet er den Steillagen-Riesling eines befreundeten Hobbywinzers;
  • „Weinrallye #30 – Naturwein“ – Biowein Depot Blog
    Bernd Eck verkostet einen Regent aus der Pfalz;
  • BioFach .10 / Weinrallye Naturwein von ecowein
    Dominik Vombach suchte auf der Biofach nach einem Naturwein und verkostete dort zwei ungeschwefelte Weine;
  • Weinrallye #30 – Naturwein vom Winzerblog
    Thomas Lippert bedauert, dass die Trauben, die er verarbeitet, nicht aus ökologischem Anbau stammen – und er nur aus diesem Grund nach seiner eigenen Definition keinen Naturwein produzieren kann; er verkostet eine höchst spannend klingende 2005 Riesling TBA;
  • Weinrallye # 30: Naturwein ein Nachtrag aus französischer Sicht von Weingut Lisson – ein Winzertagebuch
    Iris Rutz-Rudel konstatiert, dass Naturwein in Frankreich schon lange ein Thema ist und führt einige Winzer auf, die für sie zu den bevorzugten Produzenten gehören.

Ich danke noch mal allen Teilnehmern für eine Weinrallye, die für mich sehr spannend war! Die nächste Weinrallye kommt aus dem Burgenland – in den nächsten Tagen wird Bernhard Fiedler Datum und Thema bekannt geben!

Weinrallye #30 – Naturwein aus dem Wallis

Nun also noch mein eigener Beitrag zu dieser Weinrallye. Was ist Naturwein? Später, in der Zusammenfassung dieser Weinrallye werde ich mich an einer Synthese der bisher gehörten Definitionen versuchen – und meine Interpretation davon.

Domaine de Mythopia
Domaine de Mythopia
Domaine de Mythopia

Zunächst also zum Wein. Einige werden es bereits vermutet haben: mein Wein kommt aus dem Schweizer Wallis, von der Domaine de Mythopia. Das ist das Versuchs-Weingut des Delinat-Instituts; Hans-Peter Schmidt wirkt dort, in Steilhängen in etwa 800m Höhe, nicht weit von Sion. Die Weinberge sind sehenswert – eben voller Natur! Denn ein Hauptanliegen der Forschung des Instituts ist die Biodiversität im Weinberg. Da fliegen Bienen und Schmetterlinge, wachsen Tomaten und Erdbeeren, blühen Obstbäume und Blumen. Wer mehr darüber wissen will: im Oktober letzten Jahres war ich selbst dort – und regelmässig berichtet das Ithaka-Journal über die Aktivitäten dort.

Clos des Martyres 2007

Zurück zum Wein: ein Pinot Noir, Clos des Martyres 2007. Pinot Noir ist der meist angebaute Rotwein der Schweiz und wohl auch des Wallis. Aber es gibt wohl nur wenige wie diesen. Zutaten in diesem Wein waren nur Trauben und Luft – und vielleicht noch einige Hefen, Bakterien und andere kleine Helferlein, die in der Luft und auf der Traubenhaut herumschwirrten.

Pinot Noir Clos des Martyres 2007
Pinot Noir Clos des Martyres 2007

Das Protokoll der Herstellung, mit den Worten des Winzers: „Lese: 21.10.2007. Das Lesegut wurde an Hanglange in der Herbstsonne aufgewärmt. Am Nachmittag entrappt und eingemaischt. 40 Tage Maischegärung. Sanft abgepresst, 2 Tage
absetzen lassen, dann in 4jähriges Eichenholzfass (400l). Gelegentliches Batonieren. 22-Monate Ausbau. Natürliche Kaltstabilisierung. Abfüllung durch Gravitation. So einfach ist das.

Degustation am ersten Tag

Auf dem Etikett steht „Pinot noir naturel“; oft ist bei solchen Weinen nirgends etwas von „bio“ oder „Naturwein“ zu lesen, nur „non filtré“, nicht filtriert. Eingeweihte wissen dann, dass bei diesem Wein nichts vertuscht wurde. Eine Stunde vor dem ersten Verkosten, vor nun einer Woche, öffnete ich die Flasche. Meine Notizen: „Aromen von roten und schwarzen Beeren (Brombeeren!), schwarze Kirschen, intensiv aber nicht aufdringlich; am Gaumen samtig, feinkörniges Tannin, gute Säure, Beeren, elegant, leicht – sehr gute Länge„. Die nur 12 vol% Alkohol machen den Wein elegant und unbeschwert.

Zweiter und dritter Tag

Auf Rat von Hans-Peter Schmidt nahmen wir am ersten Tag nur einen kleinen Schluck aus der Flasche, um die Entwicklung des Weines über mehrere Tage zu verfolgen; die Notizen des zweiten Tages: „Aromen: komplexer, etwas erdiger, Leder(?), intensiver am Gaumen, aber nach wie vor schlanker Körper; schöne Länge„. Der dritte Tag brachte dann folgendes: „mehr schwarze Kirschen, kräftiger, noch intensiver; dunkle Schokolade, fülliger; Leder am Gaumen intensiver, Frucht am Gaumen weniger; kräftiger, mehr Körper„.

Höhepunkt?

Entscheidend bei Naturweinen ist, dass sie unter Sauerstoffeinfluss weiterleben“ sagt Hans-Peter Schmidt – auf dem Höhepunkt seien sie erst nach 7 Tagen. An den folgenden Tagen konnte ich dann wegen Abwesenheit nicht weiter verkosten. Am siebten Tag war ich wieder zu Hause, und sehr gespannt. Die Flasche war noch mehr als halbvoll, und wir hatten Freunde eingeladen, darunter ein vinophiler Südfranzose, der bevorzugt eben solche Naturweine trinkt. Und der Wein hatte sich weiter verändert: „besser (auch wenn das keine spezifische Aussage ist), Frucht nicht mehr so intensiv, etwas Brombeere ist noch da; öffnet sich am Gaumen, explodiert fast; zart-bittere Schokolade, deutlich Leder, komplexer, gewichtiger, reifer, rote Früchte ganz hinten im Abgang„.

Auf dem Höhepunkt? Ja, schon. Aber am ersten Tag war der Clos des Martyres auch schon sehr gut, frischer eben. Ich könnte mich nicht entscheiden, wenn ich bestimmen müsste, was nun der beste Zeitpunkt ist, diesen Wein zu trinken. Eins aber weiss ich genau: wenn ich das nächste Mal im Wallis bin, nehme ich mir einige Flaschen des knappen Weins mit – und wäre gespannt, wie sich der Wein in drei, fünf oder zehn Jahren macht. Und ich werde weiterhin solche Naturweine suchen – die nächsten hoffentlich vom Weingut Lisson, dessen Weine ich ja immer noch nicht verkosten konnte…

Weinrallye #30 – Naturwein: Zwischenstand

Weinrallye
Weinrallye

Nachdem ich schon befürchtet hatte, dass die Teilnahme bei dieser Weinrallye eher gering ausfällt, bin ich nun hoch erfreut: 10 Beiträge sind schon eingelaufen, darunter einige von „Weinrallye-Neulingen“, sogar zwei Blogs, die ich bis dato gar nicht kannte! Hier also die ersten Beiträge zum Thema Naturwein:

Soweit der erste Zwischenstand der Weinrallye. Ein weiterer Gastbeitrag sowie mein eigener Beitrag stehen noch aus, und ich bin gespannt, ob und wie viele weitere noch folgen!

Die Natural Process Alliance

Weinrallye
Weinrallye

Christian Schiller vom Schiller Wine Blog schickte mir diesen Gastbeitrag zur heutigen Weinrallye #30 von den Winzern Jennifer und Kevin Kelley aus Kalifornien. Jennifer und Kevin Kelley haben die Natural Process Alliance gegründet. Ein ganz interessanter Beitrag, finde ich. Sollte mir jemand in der nächsten Zeit eine Reise nach San Francisco sponsern, werde ich das Weingut unbedingt besuchen! Ich habe den Text übersetzt, man verzeihe mir die Holprigkeiten. Wer ihn im Original lesen möchte, besucht die Website der NPA:

Die Natural Process Alliance (NPA)

Die NPA wurde von uns, Jennifer und Kevin Kelley, gegründet. Mit unserem Sohn Kian im Schlepptau schuften wir in Weinbergen im nördlichen Kalifornien und im Keller in Santa Rosa. Zusätzlich zu NPA gehört uns Salinia, und wir machen Wein für Heintz, LIOCO und Spot on Cellars.

Handarbeit

Wo immer möglich, arbeiten wir von Hand und benutzen keine Maschinen. Mit Hacken, Schaufeln und Schwielen erledigen wir unsere Arbeit.

Begrünung

Reben und Begrünung zwischen den Rebzeilen treten in eine symbiotische Beziehung. Sie zieht nützliche Insekten an, kontrolliert die Erosion, lockert den Boden auf, belüftet ihn und bringt Stickstoff hinein.

Natural Winemaking

Wir streben danach, den Charakter des Terroir und des Jahrganges durchscheinen zu lassen. Unser jährliches Ziel ist es, ein Etikett zu haben, auf das wir schreiben können:

Zutaten: Trauben

Schwefel benutzen wir nur, wenn es absolut nicht anders geht, und auch dann nur in kleinen Mengen. Niemals benutzen wir: kommerzielle Hefen oder Bakterien, Enzyme, chemische oder natürliche Zusätze, tierische Produkte, Klärmittel, Filtrierung.

Verpackung und Distribution

Wir füllen den Wein in unsere Stahlflaschen ab und liefern sie unseren Partnern; die leeren Flaschen werden zum Weingut zurück gebracht und wieder benutzt. Unsere Weine sind für die San Francisco Bay Area gemacht und alle Orte innerhalb eines Radius von 100 Meilen um das Weingut herum.

Morgen ist Weinrallye! Was ist Naturwein?

Weinrallye
Weinrallye

Noch mal eine letzte Erinnerung: morgen ist Weinrallye! Die Frage war: was ist ein Naturwein – wie können wir diesen Begriff definieren?

Ich sehe schon, dass es manchen schwer fällt, einen Wein, den sie als Naturwein begreifen, überhaupt zu besorgen. Das zeigt doch, dass Bedarf besteht, diese Weine etwas mehr ins Licht zu rücken. Aber: wenn jemand nun wirklich keinen Wein bekommen konnte für die Weinrallye: dann freue ich mich auch über eine Teilnahme mit einer blossen Begriffsdefinition!

Gibt es überhaupt Naturwein?

Vor ein paar Wochen habe ich mit Lotte Müller-Pfeffer, Ecovin-Vorsitzende und Winzerin (Weingut Brüder Dr. Becker), über das Thema gesprochen; ihre verblüfffende Ansicht: es gibt gar keinen Naturwein! Wein ist ein Kulturgut, und als solches von Menschen geschaffen. Sagt sie. Ich bin wirklich erstaunt, wie viele Facetten des Begriffs bereits zusammen gekommen sind – bekommen wir morgen noch mehr davon?

Naturwein im Social Web

Vor allem in Frankreich ist Naturwein ein Thema; z.B.  hier und hier bei Facebook, und es gibt auch die Association des Vins Naturels (danke Iris!). Auf Twitter reden @herrenhof, @IthakaJ und @mythopia über Naturwein.  Weiss jemand weitere Links?

Dirk Würtz über Naturwein

Weinrallye
Weinrallye

Auch Dirk Würtz – allseits bekannter „Blogggwart“ und Wein2.0 – Macher (Blog, Twitter, 100 Grad Oechsle) – habe ich um eine Definition des Begriffs Naturwein gebeten. Dirk bringt durchaus neue Aspekte – die Bedeutung der Bio-Zertifizierung und die Nachhaltigkeit (mehr dazu in Dirks Blog) in Bezug auf die Produktion und den Menschen:

„Ganz grundsätzlich ist  für mich der Begriff ‚Naturwein‘ sehr
vielschichtig. Zunächst bedeutet er, dass der Wein im Einklang mit der Natur
hergestellt wird. Das heißt eine Produktion im Weinberg und im Keller nach
den Richtlinien des ökologischen Weinbaus. Das Ganze sollte unbedingt
zertifiziert und unter der Kontrolle eines der hierfür zuständigen Verbände
sein. Dies ist ein wesentlicher Aspekt, um den Kunden auch eine gewisse
Transparenz und Sicherheit zu bieten.

Naturwein ist für mich aber auch ein Wein, der unter dem Aspekt der
Nachhaltigkeit hergestellt und vertrieben wird. ‚Fair made‘ ist hierbei das
entscheidende Schlagwort. Diejenigen, die das Produkt oder den Rohstoff
herstellen, die Leistung erbringen, sollten dies unter menschenwürdigen
Bedingungen, mit einem ordentlichen Lohn und in einem sicheren Umfeld tun.
Alles andere ist nicht nachhaltig. ‚Fair trade‘ hat sich in den Köpfen der
Konsumenten eingeprägt, ‚fair made‘ noch nicht wirklich…“

Übrigens – falls es jemand noch nicht mitbekommen hat: Am Mittwoch, den 17. Februar ist Weinrallye. Jeder Leser ist herzlich eingeladen, eine eigene Definition des Begriffs Naturwein abzugeben, möglichst mit der Verkostung der praktischen Umsetzung eines Naturweins in der Flasche! Die Beiträge können im eigenen Blog veröffentlicht werden – dann bitte kurze Email an mich oder Kommentar hier im Blog. Wer kein Blog führt, dessen Beitrag veröffentliche ich gerne hier auf meinem Blog als Gastbeitrag. Regeln zur Weinrallye wie immer beim Winzerblog.

Steffen Christmann über Naturwein

Weinrallye
Weinrallye

Steffen Christmann beschäftigt sich nicht nur mit biodynamischem Anbau und produziert dabei ganz vorzügliche Weine, sondern ist auch Vorsitzender des VDP. Auf der Website des VDP kann man nachlesen, dass er nicht nur „das Eliteversprechen der Prädikatsweingüter im deutschen Weinbau durch zeitgemäße Qualitätsstandards  präzisieren“ will, sondern auch folgendes: „Hoch oben auf der Prioritätenliste steht bei Christmann weiter, die Mitgliedsbetriebe für Nachhaltigkeit im Weinbau und den schonenden Umgang mit der Schöpfung zu sensibilisieren.“ Es freut mich daher sehr, dass er sich die Zeit genommen hat, für die nächste Weinrallye ebenfalls seine Definition des Begriffs „Naturwein“ abzugeben:

„Für mich ist Naturwein ein natürlicher Wein, der einem Weinberg entstammt, der in völliger Harmonie mit seinem Boden, Kleinklima und der örtlichen Pflanzenwelt wächst. Ein solcher Weinberg ist nach meiner persönlichen Überzeugung zumindest ökologisch oder gar biodynamisch bewirtschaftet.
Naturwein ist für mich aber auch immer noch der aus frischen Trauben ohne Zusätze gewonnen Wein, wie dies Ludwig von Bassermann-Jordan 1907 definiert hat. Also natürlich auch der Wein, der aus bestens ausgelesenen Trauben mit seiner eigenen Hefe ohne chemisch-synthetische Schönungsmittel entsteht.“

Am Mittwoch, den 17. Februar ist jede und jeder Leser herzlich eingeladen, eine eigene Definition des Begriffs Naturwein abzugeben, möglichst mit der Verkostung der praktischen Umsetzung eines Naturweins in der Flasche! Die Beiträge können im eigenen Blog veröffentlicht werden – dann bitte kurze Email an mich oder Kommentar hier im Blog. Wer kein Blog führt, dessen Beitrag veröffentliche ich gerne hier auf meinem Blog als Gastbeitrag. Regeln zur Weinrallye wie immer beim Winzerblog.

Hendrik Thoma über Naturwein

Hendrik Thoma dürfte den meisten meiner Leser ein Begriff sein. Hendrik  ist gelernter Koch, einer von weltweit nur 160 „Master-Sommeliers“, war lange im renommierten Hamburger Hotel Jacob tätig, ist bekannt als Weinautor, durch Kochshows im TV, und nun ist er schon eine Weile sehr aktiv im WeinWeb.

Daher hat mich natürlich interessiert, was er zum Thema „Naturwein“ zu sagen hat – hier sein Statement, standesgemäss via Video:

Weinrallye
Weinrallye

In diesem Zusammenhang möchte ich noch mal auf die Weinrallye #30 aufmerksam machen: am Mittwoch, den 17. Februar ist jede und jeder herzlich eingeladen, eine eigene Definition des Begriffs Naturwein abzugeben, möglichst mit der Verkostung der praktischen Umsetzung eines Naturweins in der Flasche! Die Beiträge können im eigenen Blog veröffentlicht werden – dann bitte kurze Email an mich oder Kommentar hier im Blog. Wer kein Blog führt, dessen Beitrag veröffentliche ich gerne hier auf meinem Blog als Gastbeitrag. Regeln zur Weinrallye wie immer beim Winzerblog.