Das Manifest der Winzer – ein Interview

Wie in einem früheren Artikel berichtet, trafen sich im Dezember 2009 etwa 500 Winzer aus ganz Europa und verfassten ein „Manifest der Winzer“, das es in sich hat. Entscheidende Punkte dabei waren die Einbeziehung des Verbrauchers, absolute Transparenz in dem, was der Winzer macht und tut sowie die Förderung der Biodiversität in den Weinbergen.

Neben Hans-Peter Schmidt vom Delinat-Institut waren auch Lotte Müller-Pfeffer und Paulin Köpfer für Ecovin dort. Auf der Biofach 2010 in Nürnberg traf ich beide und befragte sie zu diesem Manifest:

Manifest der Winzer Europas

Vom 5. bis 7. Dezember waren auf Einladung von Slow Food in Florenz über 500 Winzer aus ganz Europa zusammen gekommen, um über ökologische, soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit des Weinbaus, sowie die Qualität der europäischen Weinproduktion zu diskutieren. Dieses Treffen, genannt „Vignerons d’Europe“, sollte der Vernetzung der Winzer dienen, die sich gemeinsam für einen nachhaltigeren Weinbau einsetzen wollen. Eine Gelegenheit zum Austausch von Ansichten und praktischen Erfahrungen zur Verbesserung des europäischen Qualitätsweinbaus. Auch den Konsumenten sollten die Problematiken des heutigen Weinbaus aufgezeigt werden – und die Wege zu Alternativen.

Nach vielen Diskussionen wurde ein Manifest erarbeitet, das es in sich hat: es nimmt nicht nur den Winzer in die Verantwortung, sondern fordert auch von der EU-Bürokratie Regelungen, die nicht nur der Industrie dienen. Es setzt sich ein nicht nur für lebendigen und authentischen Wein, sondern auch für Biodiversität im Weinberg. Grundlage dafür könnte die „Charta für Biodiversität“ werden, die im Delinat-Institut erarbeitet wurde und in Florenz von den Winzern offensichtlich mit Begeisterung aufgenommen wurde. Spannend – denn diese wird zur Grundlage der neuen Delinat-Biorichtlinien werden…

Und fast noch spannender: im Manifest wird nicht nur der Winzer in die Pflicht genommen, sondern auch der Verbraucher: „Der Winzer sieht den Verbraucher als seinen Koproduzenten.“ Das bedeutet, der Verbraucher steht dem Winzer zur Seite, nicht nur im Konsumieren des Weines, sondern auch im Entstehungsprozess, mit Feedback, mit Anregungen, auch als Kontrolleur, ob ein Wein tatsächlich so entsteht, wie der Produzent das vorgibt. Der Verbraucher also als Partner des Produzenten – denn auch der Verbraucher ist dafür verantwortlich, wie Weine produziert und verkauft werden!

Und wie kann dieser Austausch, diese Kommunikation realisiert werden? Klar, hier bietet das so genannte Social Web alle Möglichkeiten… Ist das machbar? Oder ist das nur eine Utopie? Hier würde ich die Meinung von mit lesenden Weinmachern und Weinliebhabern sehr interessieren!

Winzertreffen im Palazzo Vecchio in Florenz
Vorstellung des Manifests im Palazzo Vecchio in Florenz - Foto aus dem Ithaka-Journal

Hier das Manifest im Wortlaut:

Manifesto dei “Vignerons d’Europe 2009”

Die Arbeiten im Weinberg, im Keller und im Verkauf liegen in der Hand des Winzers.

Der Winzer produziert lebendige, genussvolle Weine. Sie sind die Frucht seines Terroirs, seinere Leidenschaft und des authentischen Ausdrucks einer Tradition.

Der Winzer sieht den Verbraucher als seinen Koproduzenten.

Der Winzer bewahrt und gestaltet die Landschaft, indem er die Biodiversität bereichert und die Kulturgeschichte seines Weinbergs respektiert und fortschreibt.

Der Winzer übernimmt die Verantwortung für die Erhaltung und Förderung der Bodenfruchtbarkeit sowie für die Harmonie des Ökosystems Weinberg.

Der Winzer setzt sich zum Schutz der Lebewesen für den Verzicht auf Kunstdünger, synthetische Pflanzenschutzmittel und gentechnisch veränderte Organismen ein.

Der Winzer geht bewusst mit seinen Grenzen um und sucht in all seinem Tun das Optimum, nicht das Maximum.

Der Winzer übernimmt die Verantwortung für sein Tun. Er handelt aus Respekt vor der Umwelt und vor der Gesundheit des Konsumenten sowie der Bewohner seiner Region und der Erde überhaupt.

Der Winzer bemüht sich um den Aufbau von lokalen und weltweiten Netzwerken mit anderen Winzern, Landwirten, Lebensmittelproduzenten, Köchen, Universitäten und Forschungseinrichtungen sowie Lehrern und der Bevölkerung.

Der Winzer arbeitet transparent: er sagt, was er tut und er tut, was er sagt.

Die in Florenz versammelten Vignerons d’Europe fordern die nationalen und europäischen Behörden auf, nicht durch bürokratische Hürden und eher für die Industrie geeignete Regelungen die Arbeit und die Besonderheit der europäischen Winzer zu behindern.

Weitere Artikel dazu gibt es hier:

Vignerons d’Europe
Winzermanifest vom Weindeuter
Manifest – Ziele und Absichten europäischer Winzer von Willis Wein Idee
Florenz Connection: Annahme eines „Manifest der Winzer Europa“ bei Yoopress
Manifest der Winzer Europas im Ithaka Journal
Europe’s small winemakers unite to save their industry bei DW-World

Besuch beim Ithaka-Projekt

Bei manchen Dingen reicht es nicht, darüber zu lesen, man muss sie erfahren. So geht es mir mit dem Ithaka-Projekt des Delinat-Institutes. Dort wird zu Klimafarming und Biodiversität im Weinberg geforscht. Mein Besuch im Weingut Mythopia war im September verschoben worden, jetzt fand er endlich statt.

Hans-Peter Schmidt, Leiter des Ithaka-Projektes und Winzer im Mythopia-Weingut empfing mich, und nach einem kurzen Kaffee ging es gleich in die Weinberge – bei wunderbarem Herbstwetter! Die Lese war zwar gerade abgeschlossen worden, und auf Grund der fortgeschrittenen Jahreszeit blühte es nicht mehr an allen Ecken und Enden, wie ich es auf den Fotos im Ithaka-Journal gesehen hatte. Trotzdem war das, was ich dort sehen konnte, sehr beeindruckend.

Das Ithaka-Projekt - Mythopia-WeinbergeDas Ithaka-Projekt

Ich bin kein Naturwissenschaftler, werde daher Hans-Peters Ausführungen zu Leguminosen, Boden, Stickstoff- und Phosphorgehalt nicht wiedergeben – das kann man besser hier nachlesen. Aber wieviel lebendiger ein Weinberg ist, in dem ausser den Reben alles mögliche wächst: von niedrigen Gewächsen wie Leguminosen, Aromakräutern und Erdbeeren über Sträucher aller Art bis hin zu Obstbäumen (vertikale Diversität); in dem Blumen blühen, Wildbienen-Hotels aufgestellt sind und Bienenstöcke stehen (das interessierte mich als Hobby-Imker natürlich besonders); in dem es summt und brummt, und in dem selbst um diese Jahreszeit auch noch mal ein Schmetterling zu sehen ist: das muss man gesehen haben! Festgehalten sind diese Massnahmen in der Charta für Weinberge in Biodiversität.

Das Ithaka-Projekt - blühender Weinberg - selbst im Oktober!Das Ithaka-Projekt

Beeindruckend auch der direkte Vergleich zwischen benachbarten konventionellen Parzellen und den Mythopia-Parzellen; auch der Vergleich zwischen ungeplant begrünten Rebzeilen und solchen, in denen die im Ithaka-Projekt speziell entwickelte Saatmischung ausgebracht wurde. Die Versuchsreihen mit Biokohle könnten sich als revolutionär erweisen – nicht nur für das Wachstum der Reben, sondern auch und vor allem wegen der Bedeutung dieser Versuche für eines der grössten Probleme unseres Planeten – den Klimawandel.

Dass das alles Einfluss auf die Qualität der Trauben und des erzeugten Weines hat: das lässt sich nicht nur leicht vorstellen, sondern es ist mit Genuss zu erschmecken – und offensichtlich auch wissenschaftlich nachzuweisen!

Das Ithaka-Projekt Das Ithaka-Projekt

Ein Thema meines Besuchs war auch, wie sich die Ergebnisse aus dem Ithaka-Projekt verbreiten lassen – mit den Mitteln des Social Web. Denn das Projekt ist zwar von Delinat gegründet und zu einem Teil auch finanziert; die Ergebnisse des Projektes sollen aber frei zugänglich gemacht und verbreitet werden, so dass  möglichst viele Weingüter (ob bio oder nicht) davon profitieren können – und eine Bewegung für eine zweite Bio-Revolution entsteht, die durch das Klimafarming sogar Wege aufzeigen kann, den Klimawandel zu bekämpfen. Mehr dazu hier in meinem Artikel im GlobalFutureBlog.

Ein grobes Konzept für eine Social Media Strategie haben wir erstellt; dieses gilt es nun zu verfeinern – und vor allem umzusetzen. Anregungen hierzu sind herzlich willkommen!